Samstag, 22. Juni 2013 - The Art of Duo X

The Art of Duo X

HEINZ SAUER
MICHAEL WOLLNY

LINK: heinz-sauer-michael-wollny/

Beginn: 20.00 Uhr

Eintritt: 15 €/ 12 € erm.

Historische Kelter

76703 Kraichtal-Bahnbrücken

Sonnenstr. 10
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Don’t Explain - das ist der Titel der neuen CD von Heinz Sauer und Michael Wollny. Ein Konzertmitschnitt, der dokumentiert, wie dieses Duo im Augenblick des Konzertes, ohne Absprachen, ganz auf den Moment und den Ort der musikalischen Begegnung konzentriert, seine Musik immer wieder neu erfindet: „Offen für den Raum, für das Publikum, für die Atmosphäre, die Schwingungen, die während des Konzerts unsere Sinne erreichen“ so Heinz Sauer.

 

Heinz Sauer ist einer der ganz großen deutschen Jazzmusiker, ein radikaler Individualist, der auf seinem Instrument einen völlig eigenen Stil geprägt hat. „Er spielte mit Archie Shepp, Jack de Johnette, Bennie Wallace, Tomasz Stanko und Albert Mangelsdorff. Der Tenorsaxofonist Heinz Sauer gehört seit 1960 dem Jazzensemble des Hessischen Rundfunks an. Sein einzigartiger Ton ist rau und zärtlich, voll gelebter Erfahrung.” NDR.

 

Michael Wollny ist in den letzten Jahren zu einer festen Größe des deutschen Jazzpianos geworden, der im In- und Ausland als einer der wichtigsten Jazzmusiker seiner Generation gefeiert wird. „Wollny bringt alles mit, was man von einem perfekten Jazzpianisten, oder überhaupt von einem Klavierspieler verlangen kann: virtuose Technik und überschäumende Fantasie, Disziplin und Fähigkeit zum kreativen Chaos, Sinnlichkeit und ästhetisches Gespür.” F.A.Z.

 

Konzertbesprechung


Es hört einfach auf, bumm!

Verstehen sich blind: Michael Wollny und Heinz Sauer bei den Jazztagen Kraichtal

 

Seit etwa zehn Jahren spielen sie zusammen; nicht immer, nicht ausschließlich, aber immer mal wieder. Sie verstehen sich blind, atmen zugleich, ihr Auftreten ist ein homogener Fluss. Dabei ist das, was sie spielen, beinahe unvorhersehbar. Michael Wollny (Klavier) und Heinz Sauer (Saxofon) bilden ein Duo, das sich fast alle Freiheiten erlaubt. Na klar, es gibt Themen, tolle Themen! Der Rest jedoch ergibt sich dann spontan. Auch das Ende eines Stückes: häufig abrupt, überraschend. Dass ein Ende so lebendig sein kann – es hört einfach plötzlich auf, bumm! Wollny und Sauer beherrschen die Kunst der Reduktion: Die Stücke sind eher kurz, prägnant, und keinesfalls zu lang.

Das mit Abstand Faszinierendste an den beiden Ausnahmemusikern ist die außerordentliche musikalische Kraft, mit der sie gemeinsam einen Sound erschaffen, einen Song entstehen lassen, der machtvoll und unkonventionell ist, der sofort anspricht, und der so vorher noch nie da war. Fantastische, wuchtige Ostinati, groove-basierende oder rhythmisch akzentuierte Themen, ganz freie Passagen, elegische Momente.

Das Publikum feiert Ausdrucksstärke, Kreativität und Persönlichkeit zweier Deutscher, die hierzulande ganz vorne mitmachen im Jazz. Michael Wollny, 34, er hat schon lange seinen Stil gefunden – modern, virtuos, verspielt und energiegeladen tanzt er den Jazz, es mischt sich Klassik mit rein, Wollny haut in die Tasten oder umschmeichelt sie, völlig authentisch, mit so viel Hingabe, die Taktart ist egal, bei Wollny groovt einfach alles. Heinz Sauer, 80, er ist klangstark und individuell, seine Ideen sind brillant, die Phrasierung hinreißend. Heinz Sauer gehört zu denen, die mit viel Erfahrung und mit ganz eigener Stimme sprechen. Zusammen sind sie eigentlich unschlagbar. Die Zuhörer in der kleinen Historischen Kelter in Bahnbrücken waren euphorisch – was für ein Höhepunkt im Programm der diesjährigen Jazztage Kraichtal (weitere Konzerte noch bis 5. Juli). Und ein paar Stücke kannte man sogar: Neben Eigenkompositionen gaben Wollny und Sauer drei, vier Jazzstandards sowie eines der bekanntesten Themen von Esbjörn Svensson, „Believe, beleft, below“. Vieles davon findet sich auf der aktuellen CD „Don’t Explain“– die Heinz Sauer witziger weise nicht in der Lage ist, akkurat zu vermarkten: Vor Pausenbeginn wollte er die Aufnahme anpreisen, gab das kommerzielle Unterfangen aber schnell wieder auf mit den schlichten Worten „mit dem CD-Verkauf, ich pack das nich’“. Katharina Lohmann

Eine neue Klangwirklichkeit geschaffen

Das Duo Michael Wollny und Heinz Sauer eröffnete die Internationalen Kraichtaler Jazztage

Kraichtal-Bahnbrücken (art). „Wir haben nicht extra zusammen geprobt. Wir lassen die Atmosphäre hier auf uns wirken und sind offen für unser Publikum und die Schwingungen, die während des Konzertes unsere Sinne erreichen“, sagte bescheiden Heinz Sauer, der 80-jährige Saxofonist. Zusammen mit Michael Wollny, erst 34 Jahre alt, am Flügel, eröffnete er die diesjährigen Internationalen Kraichtaler Jazztage in der Historischen Kelter in Bahnbrücken. Es wurde ein Konzert, das die vielen Zuhörer in der Kelterhalle begeisterte. Seit mehr als zehn Jahren spielen Sauer und Wollny zusammen. Im Jazzensemble des Hessischen Rundfunks haben sie sich gefunden. Seitdem spielen sie und improvisieren auf eine kongeniale Art und Weise, bei der die Töne ineinander greifen und die Klänge sich zu einer neuen Welt zusammenfügen. Sie sind „Töne-Zauberer“ und „Klang-Erfinder“ aus Leidenschaft. Michael Wollny hat erst kürzlich den Echo in der sparte Jazz, Ensemble national erhalten und Heinz Sauer ist ebenfall mit vielen Preisen dekoriert. Sauer ist Individualist und hat auf dem Tenorsaxofon seinen ganz eigenen Stil entwickelt. Mal pustet er nur ins Mundstück, mal überbläst er und ein anderes Mal lässt er sein Saxofon ertönen wie ein Nebelhorn in dunkler Nacht. Er spielt lang anhaltende weiche Töne und dann hängt er Staccato, die Töne wie Punkte und Ausrufezeichen in die Luft. Wie aus einer Schatztruhe holt er Ton für Ton, Klang für Klang hervor und präsentiert sie den gebannten Zuhörern. Michael Wollny antwortet auf dem Flügel. Dabei benutzt er nicht nur die Tasten, sondern auch direkt die Saiten im Flügel. Mal zupft er sie, mal schlägt er sie, mal kratzt er und dann lässt er ein ganzes „Tongewitter“ losbrausen, indem er ins Innere des Flügels gebeugt die Saiten bearbeitet. Er streichelt die Tasten und fasst sie hart an. Stupst sie an mit zartem Finger oder traktiert sie mit der ganzen Hand. Einzelne Töne schwingen durch die Kelter, dann ansatzlos und wild tanzen die Finger über die Tasten – crossover beide Hände – und ein Klangschwall ergießt sich über das Publikum. Auch Wollny ein Individualist und Grenzgänger, experimentier- und spielfreudig; lässt sich von der Musik gefangen nehmen und wird selbst zu Klang und Rhythmus. Keine ruhige Körperhaltung; die Füße schwingen vor und zurück. Er windet sich über den Tasten und scheint mit dem Instrument zu verschmelzen. Er steht im vielfachen Gegensatz zu Heinz Sauer. Hier trifft der junge Wilde auf den erfahrenen Jazzer, der Impulsive auf den Abwartenden, der Tonangebende auf den Hörer. Doch wer welchen Part spielt – und das ist das Erstaunliche - wechselt im Konzert immer wieder. Es war ein Abend voller Dynamik und Konzentration auf das Wesentliche. Nicht Melodien standen im Vordergrund – wenn auch der eine oder andere Jazzstandard herauszuhören war – sondern es ging um die Töne und Klänge von Piano und Saxofon, die sich zu einer neuen Klangwirklichkeit vermischten und den Raum füllten. „Ein wundervoller Abend“, war von den Zuhörern am Ende zu hören.

 

Martin Stock